Buchcover: Sohn sitzt auf eine Waschmaschine und zeigt dem Vater etwas, drumherum liegt Wäsche, im Hintergrund sind blaue Berge zu sehen (Quelle: Tulipan Verlag)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Das brauch ich alles noch"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinderbücher vor. Heute: "Das brauch ich alles noch" von Petra Postert und Jens Rassmus, für Kinder ab 3 Jahren.

Man sieht auf den ersten Blick: Jim und sein Vater sind ein eingespieltes Waschteam, so, wie sie da zu Hause vor der Waschmaschine stehen und den Wäscheberg nach Farben, Verschmutzung und Gradzahlen sortieren. Der Vater vergisst sogar nicht, die Hosentaschen zu entleeren. Sand rieselt aus der blauen Jungenhose und mit dem Sand ein Stein, ein Schlüssel, ein Knopf. Schnell weg damit! Aber da hat der Vater die Rechnung ohne seinen Sohn gemacht. Das braucht Jim doch alles noch, denn er weiß, was hinter dem magischen Dreierlei steckt. Und fängt an, die abenteuerlichen Geschichten der Fundstücke zu erzählen … vom Kofferschlüssel und dem fiesen Zauberer, vom Kapitänsjackenknopf, der bei Sturm und Wellen dreimal um die ganze Welt gereist ist, und von der Bergspitze, die ein Riese abgebissen und Jim als Gesteinsbrocken genau vor die Füße gespuckt hat.

Pointiert

Autorin Petra Postert lässt ihren jungen Protagonisten nicht um des Fabulierens willen drauflos fabulieren. Die drei Fantasiereisen, die Jim zum Besten gibt, springen als Binnenerzählung innerhalb der Rahmenhandlung zwar assoziativ und nicht vorhersehbar vorwärts. Aber die Assoziationen werden im pointierten Schlagabtausch mit dem Vater in Gang gesetzt. Seine Ideen und Nachfragen veranlassen Jim zu immer neuen, z. T. abwegigen Wendungen. Er grenzt sich vom Vater ab, will ihn überraschen, übertrumpfen – und so spinnen sie den Erzählfaden indirekt gemeinsam. Illustrator Jens Rassmus setzt die Dialoge zwischen Vater und Sohn in Vordergrund. Die Figuren sind mit Feder gezeichnet und in Pastelltönen aquarelliert. Die drei Fantasiereisen aber sind opulent in satten, kräftigen Farben gemalt und füllen als Hintergrund jeweils eine ganze Seite oder ragen noch in die nächste Seite hinein. Trotz der flächigen Darstellung gelingt es Rassmus, das Augenmerk auf die kleinen Details zu lenken, die die großen Szenen auslösen.

Erzählanlässe in Hülle und Fülle

Auf Bild- und Textebene eine wunderbar kommunikative Situation, die dicht am Kind ist und junge Bilderbuchbetrachter motiviert, selbst zu erzählen. Denn im letzten Bild ist mit einfachen Strichen eine liebevolle, zutiefst zufriedene Geste eingefangen. Jim sitzt am Tisch, vor ihm ausgebreitet liegen alle seine Fundstücke, zu denen er glücklich seine drei neuen Entdeckungen legt. Bei welchem Kind liegen sie ähnlich nicht im Zimmer, die halbe Nussschale, die kaputte Brille, die Sprungfeder? So gibt es Erzählanlass genug, um nach dem Schließen des Bilderbuches den Geschichten eigener Fundstücke auf die Spur zu kommen.