Buchcover mit einer Zeichnung: ein Mädchen mit Schwimmreifen prüft vorsichtig mit dem linken großen Zeh das Meereswasser (Quelle: Annette Betz Verlag)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Das Meer hat keinen Rand"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinderbücher vor. Heute: "Das Meer hat keinen Rand" von Udo Weigelt und Maria Bogade, für Kinder ab 4 Jahren.

Das Meer hat ja gar keinen Rand! Genau dieser bange Gedanke ist dem kleinen Mädchen auf dem Cover des Bilderbuches ins Gesicht geschrieben. Es steht am Strand, guckt verzagt aufs Wasser hinunter, hält den Schwimmring um den Bauch ganz fest und taucht vorsichtig einen Zeh ins Wasser. Nein, Anna fühlt sich ganz und gar nicht wohl am Meer.
Die Eltern sind erstaunt, denn Anna hat doch sogar schon das Seepferdchen gemacht. Was hat sie nur? Sie ahnen nicht, dass Anna von der Weite des Wassers überrumpelt ist. Ein begrenztes Schwimmbecken ist nun mal kein offenes Meer. Da können Papa oder die anderen Kinder, die im Wasser vor Spaß kreischen, sie so oft ermuntern, wie sie wollen. Anna baut lieber die kunstvollsten Sandburgen und verzichtet aufs Schwimmen. Wer weiß, ob da nicht sogar komische Tiere im kalten Wasser sind, die sie kneifen könnten?!

Annas innerer Kampf

Autor Udo Weigelt konzentriert seine kurze Geschichte ganz auf das Thema Angst und Überwindung der Angst. Schlicht und unaufgeregt erzählt er von Annas innerem Kampf, ob sie es mit dem unbekannten Element aufnehmen soll oder nicht. Der Wunsch ist da. In ihren Träumen schwimmt sie mit den Delfinen um die Wette. Aber in der Realität geht es ihr wie vielen Kindern, die sich in dieser Geschichte wiedererkennen können. Die Angst vor dem Unbekannten löst einen Entwicklungsprozess aus, der in Wut und Ablehnung übergeht, bevor er letztlich in Mut und Freude mündet.

Auf den Punkt illustriert

Illustratorin Maria Bogade begleitet diesen Prozess glaubwürdig mit dem Zeichenstift. Sie tuscht, zeichnet und collagiert auf den Punkt, lässt viel Raum, spielt mit Gelb-, Blau- und Grüntönen. Die jungen Betrachter sehen: Da ist nichts Bedrohliches in der Außenwelt. Umso deutlicher verrät mit wenigen Strichen Annas Mienenspiel ihr inneres Erleben.
Wie erleichtert ist sie, als Papa den wahren Grund ihrer Angst begreift und sagt, dass das Meer natürlich einen Rand habe! Jeder Strand ist ein Rand. Und so kann Anna endlich das Meer erobern und erleben, dass das Wasser sie an den Strand trägt. Einfach so.