Buchvover (Quelle: Random House)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen" von Susan Juby, für große Geschwister ab 14 Jahren.

Normandy, Dusk und Neil sind beste Freunde. Nicht nur, weil sie zusammen in die 11. Klasse einer ganz besonderen Highschool gehen: der Green-Pastures-Akademie für Kunst und angewandtes Design. Sondern auch, weil sie ähnliche Fragen beschäftigen. Eine dieser Fragen wird ihnen so wichtig, dass sie die "Wahrheitskommission" gründen. Von nun an stellen sie ihren Mitschülern Fragen nach deren persönlicher Wahrheit. Simple Wahrheiten, unbequeme, angebliche und echte. Ob Schönheitsoperationen, Liebesbeziehungen, Drogenkonsum, sexuelle Ausrichtung oder Familiengeheimnisse – die Kommission ist nicht zu stoppen. Denn es ist so aufwühlend wie befreiend, sich dem Unausgesprochenen zu stellen. Das erlebt auch Ich-Erzählerin Normandy, bei der es zu Hause eine Menge aufzudecken, zu verstehen und geradezurücken gibt. Normandy durchläuft einen Reifeprozess, der anschaulich zeigt, was passiert, wenn man anderen Fragen stellt: Man konfrontiert sich auch mit sich selbst. Dass die Kommission diskret mit den Antworten umgeht, versteht sich. Es geht nicht ums Outen, sondern um innerlichen Anstoß zur Reflexion.

Entdeckung und Verführung

Geschickt hat Autorin Susan Juby das gewichtige Thema "Wahrheit" auf verschiedenen Ebenen entwickelt. Sie legt ein anspruchsvolles Jugendbuch vor, das nicht zum identifikatorischen Lesen einlädt, sondern mit seinem kompakt-komplexen Aufbau einer klaren literarischen Konzeption folgt. Dadurch hebt es sich deutlich von leichtgängigen Jugendbüchern ab. Mit der Kunstakademie hat Juby einen idealen Ort mit idealem Personal geschaffen. Die Kunstschüler sind markante Persönlichkeiten, die zwar spleenig wirken und fernab der breiten Lebensrealität der meisten Leser. Aber die Auseinandersetzung mit Wahrheit ist ihnen eine kreative Notwendigkeit – was ist Fiktion? Was Realität? Wo beginnt Kunst? Was vermag sie? Mit ihrer Heldin Normandy wendet Juby einen weiteren Kunstgriff an. Das Buch ist als Essay der Ich-Erzählerin angelegt, die in einem großen inneren Monolog verschiedene Erzähltechniken ausschöpft. So wird sich mancher Leser wahrscheinlich ob der 114 Fußnoten verwundert die Augen reiben, in denen Normandy erläutert, zurückblickt, kommentiert und ganz nebenbei intertextuelle, filmische und erzähltheoretische Diskurse aufmacht. Ein Buch, das – entgegen der Verlagsempfehlung – weniger für 12-Jährige, aber ganz sicher für lesehungrige, debattierfreudige Jugendliche ab 14, 15 Jahren eine Entdeckung ist und sie dazu verführt, neue Bücher aufzuschlagen, um der literarischen Spur der Fußnoten zu folgen.