Buchcover mit bunter Zeichnung: Stadtsilhouette und in der Mitte ein Mädchen im Schneidersitz (Quelle: cbj Verlag)
Download (mp3, 5 MB)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Erna und die drei Wahrheiten"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Erna und die drei Wahrheiten" von Anke Stelling, für Kinder ab 11 Jahren.

Wer heißt heute noch Erna?! Niemand mehr – bis auf die 11-jährige Ich-Erzählerin Erna Majewski.

Mit einer Schimpftirade über die exaltierte Namensgebung ihrer Eltern zieht sie uns Leser schwungvoll hinein in ihre Welt, ihre Wahrnehmung und ihre Auseinandersetzung mit Wahrheit. Denn der Umgang mit Wahrheit ist nicht nur das zentrale Thema der Geschichte, sondern zugleich auch Ernas Ablösungsprozess von Eltern und Kindheit. Er wird durch einen Konflikt in der Schule in Gang gesetzt.
Während der öden Faschingsparty beobachtet Erna, wie ein Mitschüler mutwillig das Schulklo verstopft. Sie scheint die Einzige zu sein, die diesen Vorfall mitbekommt. Und zum ersten Mal wollen die Lehrer der sonst so liberalen Gemeinschaftsschule durchgreifen. Alle sollen bestraft werden, es sei denn, der wahre Übeltäter stellt sich …
Wie soll Erna sich entscheiden? Soll sie petzen, anonyme Hinweise geben, schweigen oder ihre Macht ausspielen? Drei Wahrheiten gibt es laut einer berühmten Weisheit: meine, deine und die Wahrheit. Für Erna heißt das: Misch dich ein. Halt dich raus. Geh davon aus, dass es, egal, was du tust, falsch ist.

Gar nicht so allein

Flache Hierarchien üben hohen Druck aus und stecken voller Widersprüche, die Erna kaum alleine lösen kann. Immer wieder zieht sie ihr Wörterbuch zu Rate, um über Neues oder Ambivalentes in der echten Bedeutung nachdenken zu können. So sind die meisten Kapitel mit nur einem Wort überschrieben und ergeben die Playlist ihres inneren Monologs. Von "Aussehen" über "Neue Regeln, Datenschutz, Haltung, Freiheit, Sippenhaft, Fangfragen, Weiterreden" bis zu "Ohne Zweifel" lässt sich die Entwicklung ihrer Erkenntnisse ablesen.
Dabei schlägt sie einen lakonischen Tonfall an, wohltuend weit entfernt von jeder Ironie. Er speist sich auch aus verinnerlichten Befehlen und Beurteilungen der Eltern. Im Erzählvorgang entlarvt Erna so manche Aussage als schlauen Spruch, der Leerstellen überdeckt. Hinter dem alternativ-elitären Dünkel steckt viel Bequemlichkeit – nicht eben hilfreich, um die vorpubertäre Heldin auf die Komplexität des Erwachsenwerdens vorzubereiten.

Dass sie mit ihren elf Jahren schlussendlich eine gute Lösung für sich findet, zeigt, dass Erna gar nicht so allein ist, wie sie denkt.