Buchcover mit bunter Zeichnung: Mädchen und Katze im Wald (Quelle: Patmos Verlag)
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OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Henrietta spürt den Wind"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Henrietta spürt den Wind" von Jochen Weeber und Fariba Gholizadeh, für Kinder ab 4 Jahren.

Dieses Bilderbuch über digitale Wirklichkeit und echtes Erleben richtet sich bereits an Vierjährige, die die Geschichte intuitiv erfassen.
Verzückt-versunken steht das Mädchen auf dem Cover des Bilderbuches da, die roten Haare wehen im Wind. Das ist Henrietta, die draußen im Frühlingswald das wahre Leben wieder spürt.
Bis dahin hat sie am liebsten drinnen vorm Computer gehockt und virtuell mit Spinnen, Käfern und Fröschen gespielt. Tage- und nächtelang. Selbst ihrer Katze, die erst gemütlich auf der Fensterbank liegt, wird das zu langweilig. Sie sucht das Weite und tummelt sich lieber im Freien. Ganz allein bleibt Henrietta zurück, vom Bildschirm schier eingesogen.
Wie gut, dass es plötzlich klirrt und ein gelber Ball durch die Fensterscheibe zu ihr hereinfliegt. Ihm folgen drei Kinder, von denen nicht nur der Ball, sondern auch der Funke der Freundschaft zu Henrietta fliegt. Mit ihnen läuft sie hinaus, kullert mit ihnen den Hang hinunter, lässt Steinchen hüpfen und findet einen echten Frosch, den sie vorsichtig auf die Hand nimmt. Draußen zu sein ist schön!

Geschichte ganz in Kinderhand

Obwohl das so ist, spielt Autor Jochen Weeber echte und virtuelle Welt nicht gegeneinander aus. Es ist nun mal so: Kinder lieben es, in der freien Natur herumzutollen und echte Frösche zu entdecken. Kinder lieben es aber auch, am Computer mit digitalen Fröschen zu spielen. Auf die Ausgewogenheit kommt es an.
Da ist Weebers Ansatz einfach nur klug, die Geschichte ganz in Kinderhand zu geben und sein Familienthema – irgendwann erwischt es alle Eltern, sich über die Nutzung von Laptop, Tablet oder Smartphone Gedanken machen zu müssen – nicht moralisierend oder gar als Konflikt darzustellen. Er zeigt, dass die Kinder sich gegenseitig abholen und dass Eltern gut beraten sind, wenn sie deren Freundschaften stärken.

Die Illustrationen

Das Bilderbuch richtet sich bereits an Vierjährige, die die Geschichte intuitiv erfassen: Die Katze führt sie durch die Handlung. Illustratorin Fariba Gholizadeh erweitert den Stoff, indem sie eine parallele Bildergeschichte einzieht, die sich im Text nicht wiederfindet
Ihre komplexe Technik ist noch ganz analog. Mit Gouache malt sie großflächig in starken atmosphärischen Farben. Die Mimik wiederum arbeitet sie mit Buntstiftstrichen fein heraus und lässt noch dazu die rosa Bäckchen der Kinder in zarten Nuancen oder auch die Augenbrauen schattiert durch Pastellkreide plastisch werden.
Perspektivisch lässt sie das Fenster im Hintergrund groß und größer werden. Nicht nur Tag und Nacht laufen dahinter ab, sondern davor wird ein Pflänzchen zur Pflanze – anschaulicher kann man Zeit und Dauer kaum darstellen. Auch ist das Fenster mehr als die Verbindung zwischen den Kindern.

Es ist ein wunderbares Bild für Freundschaft: zerbrechlich, aber offen und mit einem starken Rahmen.