Buchcover mit bunten Farbklecksen in Kreisen um den Buchtitel (Quelle: Loewe Verlag)
Loewe Verlag
Bild: Loewe Verlag Download (mp3, 4 MB)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Ich wollte nur, dass du noch weißt"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Ich wollte nur, dass du noch weißt" von Emily Trunko, für Jugendliche ab 14 Jahren.

Ein tolles, ein wichtiges Buch, das Pflichtlektüre sein sollte: für Jugendliche, für Eltern, für Pädagogen.

Wohin mit Gedanken und Gefühlen, die in einem rumoren? Emily Trunko, jugendliche Bloggerin aus Amerika, weiß es: Im vernetzten Zeitalter kann man das Intimste miteinander teilen – ohne namentlich in Erscheinung zu treten oder den Adressaten von Mails und Briefen zu verraten. Diese hat Trunko in ihrem Blog "Dear My Blank" gesammelt mit dem Aufruf, auf ihrer Plattform nie verschickte Nachrichten anonym zu posten. Als die Flut der Nachrichten immer größer wurde, wusste sie, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Gut 160 dieser Botschaften hat sie exemplarisch ausgesucht und in ihrem Buch versammelt. Von der Notiz bis zum langen reflektierten Brief ist alles dabei.

Breites Themenspektrum

Aus eigener Erfahrung weiß die junge Herausgeberin Trunko, dass es gut ist, sich hinzusetzen und für ein imaginäres Gegenüber aufzuschreiben, was da in einem rumort. Man kann hemmungslos ehrlich sein und den Moment des Schreibens als aktives Moment der Auseinandersetzung und der Veränderung begreifen. Das Themenspektrum ist breit. Es geht um Liebeskummer wie um Trennungsabsichten, um glückliche Beziehungen und schwierige Freundschaften, um Geschwisterkonflikte oder kontrollsüchtige Eltern und auch um Krankheit, Tod oder Selbstmord.

Unterschiedlichste Tonlagen

Manche schreiben an ihr jüngeres Ich oder sogar an ihren Körper, mit dem sie hadern, oder sie lassen einen Jubelschrei an die Welt los. Die Tonlage geht vom pubertären Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Schreibt der eine lapidar: "S. Ich will meinen ersten Kuss zurückhaben. C", fleht die nächste "Lieber N, bitte entscheide dich für mich und gegen den Alkohol." und konstatiert wieder eine andere: "Lieber Dad, wir geben dir eine zweite Chance. Bitte vermassel sie nicht."

Unter den vielen berührenden Nachrichten sticht u.a. der Brief einer sehr jungen Mutter heraus, die andere werdende junge Mütter ermuntert. Sie weiß, wie furchterregend das Bevorstehende sein kann, dass viele behaupten werden, die Herausforderung nicht zu packen, dass viele schräg gucken und sich sogar lustig machen werden. Sie hält dagegen: "Es spielt keine Rolle, ob ihr 15 oder 35 seid. Nicht das Alter macht eine Mutter aus. Das könnt nur ihr selbst tun."

Nöte, Sehnsüchte, Wünsche

Wer hier genau liest und die vielen Briefe nicht nur überfliegt, der nimmt echte Erkenntnisse über das Gefühlsleben der oft verschwiegenen Jugendlichen mit. Ein tolles, ein wichtiges Buch, das ich zur Pflichtlektüre empfehle: für Jugendliche, für Eltern, für Pädagogen. Manches mag pathetisch oder kitschig wirken, weil die Emotionen die Schreibenden mitreißen. Aber jeder einzelne Eintrag sensibilisiert für die Nöte, Sehnsüchte, Wünsche junger Menschen – Gefühle, die man selbst kennt, denen man aber mitunter nicht mehr ganz so nah ist. Und zu denen man irgendwann nicht mehr anonym, sondern offen stehen sollte.