Buchcover: ein Mädchen sitzt auf einem roten Koffer, im Hintergrund Berge und Grün (Quelle: Thienemann Verlag)
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- "Mein Sommer als Heidi"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Mein Sommer als Heidi" von Alexa Hennig von Lange, für Kinder ab 10 Jahren.

Von ihrer Hippie-Mutter ist Isla schon einiges gewöhnt – aber dass sie ihr nun einen Sommer als Heidi in den Schweizer Bergen beschert, kommt für die Elfjährige völlig unerwartet.

Ohne viel Federlesens reißt die Mutter ihre Tochter aus dem gemeinsamen Berliner Leben und liefert sie bei ihrem Vater in den Bergen ab, um Richtung Ibiza zu entschwinden und die familiäre Auswanderung vorzubereiten. Vieles ist ähnlich wie in Johanna Spyris Klassiker: Der grummlige Großvater, die herb-schöne Bergwelt, der nette Peter, die vielen Ziegen und auch die kindliche Verlassenheit, die sich in Zufriedenheit und Wohlgefühl wandelt durch das herzliche und fürsorgliche Miteinander der Menschen um die junge Heldin herum, all das bildet die parallele Grundkonstellation für eine Geschichte, die sich dann allerdings ganz anders entwickelt.

Viele Anknüpfungspunkte für Kinder, die zu Jugendlichen heranreifen

Autorin Alexa Hennig von Lange durchdringt ihren Stoff psychologisch und legt einen Entwicklungsroman für Kinder ab zehn Jahren vor. Ihre Heldin kommt uns Lesern sehr nah, indem sie im Präsenz aus der Ich-Perspektive erzählt und einen sehr wörtlichen, lebendigen Tonfall anschlägt. Unmittelbar erleben wir mit, wie Isla sich fühlt, als sie von der Mutter zurückgelassen wird; als sie sich in der Folge auf lauter unbekannte Menschen und neue Situationen einstellen muss, als ihre Gefühlslage sich ändert und von Neugier und Anpassung über Freude und Dankbarkeit in Wut und völlige Erschöpfung umschlägt, bis es plötzlich eine Antwort gibt, auf die große Frage, warum die Mutter so handelt. Eine Antwort, die die sprachlose Wurschtigkeit der Mutter nicht schönredet, aber Erleichterung über das Ziel ihrer Handlungsweise auslöst: auf Ibiza den Vater aufzuspüren, den Isla nie kennengelernt hat. Auch wenn der Konflikt extrem und speziell wirken mag, so stecken in seiner Bewältigung durch die kontrastreichen, vielschichtigen Figuren viele Anknüpfungspunkte für Kinder, die wie Isla zu Jugendlichen heranreifen und sich ihrer Stärke bewusst werden. Die Freundschaften und elterliche Verhaltensweisen hinterfragen, die nach dem Sinn des Lebens suchen und sich von ihrer Kindheit lösen. Dass Isla, diesem starken, klugen Mädchen, das gelingt, ist wunderbar. So, wie das offene Ende des Buches, das ein schöner Anfang für Islas Teenager-Zeit werden kann. Wo, wie und mit wem auch immer.