Buch-Cover mit einem Foto der Schriftstellerin Astrid Lindgren (Quelle: Verlag Friedrich Oetinger)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002" von Astrid Lindgren und Sara Schwardt, für große Geschwister ab 17 Jahren.

Was für ein Paukenschlag zum Auftakt! Zwar könne Astrid Lindgren "supergut schreiben", aber alle Verfilmungen ihrer Bücher seien schlecht, das Theaterstück zu "Karlsson" habe sie zum Glück nicht sehen müssen, der letzte Michel-Band: enttäuschend! Das steht im allerersten Brief, den die 12jährige Sara Schwardt 1971 an die 50 Jahre ältere, weltberühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren schreibt. Ihr Anliegen ist aber weniger der Rundumschlag, sondern die sonderbare Bitte, Lindgren möge sich für Sara einsetzen, dass diese die Hauptrolle in der Verfilmung eines Buches einer anderen Autorin bekomme …
Da reibt man sich beim Lesen verwundert die Augen und mag es kaum für möglich halten, dass dieser Paukenschlag der Auftakt zu einem Briefwechsel über drei Jahrzehnte und etwa 80 Briefe gewesen ist. Ausgerechnet Astrid Lindgrens Antwort auf Saras Brief ist nicht erhalten. Die Autorin hat Sara den Spiegel vorgehalten, mit deutlichen Worten, aber ohne zu beleidigen. Das vorpubertäre Mädchen war so erschüttert, dass es den Brief zerrissen und in der Toilette weggespült hat. Lindgrens Worte aber haben sich ihr eingebrannt – und auch ermuntert, sich wieder zu melden.

Persönlicher Austausch auf Augenhöhe

So entspinnt sich ein ungewöhnlicher, spannender Briefwechsel zwischen den beiden, deren Altersunterschied und Lebensumstände kaum hätten größer sein können. Persönlich getroffen haben sie sich nicht, der Austausch war ihnen wichtig. Über Bücher, Filme, übers Rauchen und Trinken, über Religion, Leben, Geburt und Tod. Tatsächlich erzählt Lindgren auch aus ihrem Leben. Beeindruckend, wie sie das Mädchen mit Empathie und Respekt behandelt. "Halte durch" schimmert freundlich zwischen allen Zeilen hindurch. Denn Sara hat kein leichtes Leben, wie sie Lindgren anvertraut. Durch alle Höhen und Tiefen hindurch gibt ihr die Autorin auf die Distanz einen Halt, den Sara nicht kennt. Kein Druck, keine Erwartungen, der Briefwechsel ist ihrer beider Geheimnis. Von Seite zu Seite zeigt sich eindrücklicher, welche Bedeutung er für Sara hat. Für Lindgren werden Saras entwaffnende Offenheit, ihre Charakterstärke reizvoll gewesen sein; Aspekte, die sich in vielen ihrer Kinderbuchfiguren wiederfinden.

Saras Mut zur Einwilligung in die Veröffentlichung des unredigierten Briefwechsels ist es zu verdanken, dass posthum ein so berührender Einblick in die umfangreich belegte Biographie Astrid Lindgrens möglich ist. Jedem, der mit Kindern, Jugendlichen und überhaupt mit Familie zu tun hat, ist dieser Briefwechsel zur Lektüre empfohlen. Er zeigt, wie wichtig es sein kann, einen Mentor außerhalb des aktiven Lebens zu haben, jemanden, der einem auf Augenhöhe begegnet, zuhört und weise kommentiert, ohne immer der gleichen Ansicht zu sein.