Buchcover: Eine Frau lauscht an der Tür, hinter der Tür ist Licht (Quelle: Moritz Verlag)

OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Der Besuch"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinderbücher vor. Heute: "Der Besuch" von Antje Damm, für Kinder ab 4 Jahren.

Mit großen Augen steht sie da, die alte Elise, in kariertem Kleid und schlichtem Hauskittel, die Haare zu altmodischen Schnecken gedreht – wie eine typische Märchenbuch-Omi. Aber die ist sie nicht.
Noch nicht. Zu erschrocken, zu ängstlich starrt sie aus dem Grau des Raumes auf das warme Gelb, das durch das Fensterchen der Haustür in ihre Wohnung eindringt. Das Leben klopft bei ihr an! Dabei hat sie es doch sorgsam ausgesperrt und sich in ihrer Einsamkeit und ihren Ängsten eingerichtet.
Glücklicherweise ist ein Rest Neugier da, sonst hätte Elise die Tür wohl nicht geöffnet. Wie hat sie sich am Tag zuvor allein schon vor dem blauen Papierflieger geängstigt, der durchs Fenster zu ihr hereingeflogen kam. Und nun will auch noch ein Mensch zu ihr?! Wer kann das sein?
Dieser Mensch ist Emil, der Junge, der den Flieger geworfen hat und ihn nun zurückholen möchte. Wie er so dasteht, der kecke kleine Kerl, und dann noch lustig hereinmarschiert, da wird etwas in der alten Frau berührt – und diesen Moment setzt Autorin und Illustratorin Antje Damm kongenial um.

Kammerstück aus Karton

Das Drama um die innere Wende inszeniert sie als Kammerstück in einem einzigen Raum, dem Lebensraum von Elise. Er ist aus Karton gebaut, die Figuren sind ausgeschnitten, die Szenen werden nach und nach bunter und ergeben als stimmungsvoll ausgeleuchtete Fotografien die facettenreiche Bildergeschichte.
Es ist so ungewöhnlich wie gut, dass die Perspektive auf Elise liegt und nicht Emil die Hauptfigur ist. So schafft Damm Distanz und ermöglicht Kindern eine abstraktere Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit. Klug auch, dass der Erzähler nur zurückgenommen kommentiert. Die Plastizität von Kulisse und Personal springt einem beim Betrachten entgegen und mit ihr die Wandlung von Traurigkeit, Düsternis und Leere hin zu Wärme, Licht und Optimismus.

Der Besuch ist nur kurz, aber er wirkt lange in Elise nach. Am Ende sitzt sie allein, aber glücklich an ihrem Tisch, während die Farben um sie herum nur so leuchten.