Buchcover mit bunter Zeichnung: zwei Jungs schauen um die Ecke, Schatten eines Mannes auf der Hauswand (Quelle: Gerstenberg)
Gerstenberg
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OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen stellt vor: - "Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich"

Im "Lesestoff" vom rbb Kulturradio stellt OHRENBÄR-Redakteurin Sonja Kessen regelmäßig Kinder- und Jugendbücher vor. Heute: "Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich" von Silke Lambeck, für Kinder ab 8 Jahren.

Brav, satt, wohlbehütet – das sind Matti und Otto, zehn Jahre alt, in einer Klasse und beste Freunde von Windel an. In Berlin Mitte lebt Matti mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen, Otto wiederum mit drei Geschwistern, softem Papa und bloggender Mama, die in ihrem Blog ungefragt Privates öffentlich macht und ein Hochglanz-Familienleben darstellt. Für die Jungs gibt es Yoga, Klavier und Kochen für Kids, ihr Spielraum ist clean und kontrolliert. Umso mehr fahren sie auf den letzten normalen Laden im Kiez ab, den Kiosk "Zur Ecke" vom knurrigen Hotte Zimmermann. Hier gibt es keine Buddha-Rollen und Rhabarberschorle, sondern Bier, abgepackte Salami und Eis am Stiel. Als die Freunde im Musikunterricht via Smartboard und Youtube den Gangsta-Rap von Bruda Berlin kennenlernen, fällt der Groschen: Sie leben viel zu brav! Wie wär’s mit dem wilden Leben?
Silke Lambecks neues Kinderbuch zeigt sich als komplexer, dicht geschriebener Großstadtroman. Helikoptereltern, Gentrifizierung, Kriminalität, Milieus, Social Media, Vorurteile sind nur einige der Aspekte, die sie verhandelt – so manches Klischee nimmt die Autorin forsch auf die Schippe. Matti, Otto und Hotte werden schnell zum Bermuda-Dreieck des Buches. Denn Hottes Späti ist in Gefahr, von Immobilienhaien gefressen zu werden. Wer helfen könnte? Vielleicht Bruda Berlin? Es trifft sich gut, dass Matti und Otto Druck durch die Hausaufgabe der Musiklehrerin haben: Sie sollen einen Rap schreiben, der mit ihrem Leben zu tun hat, und ihn aufführen.
Dass die beiden ihre Aufgabe so konsequent umsetzen, hätte die Lehrerin wohl nicht gedacht. Die Fahrt nach Neukölln zu Bruda Berlin wird zum dramaturgischen Wendepunkt. Die Jungs verlassen ihr bequemes Leben und werden aktiv. Schon bald kommt es zum fulminanten Showdown in Hottes Laden, bei dem verschiedenste Welten aufeinander prallen. Warum die Jungs das Berliner Original so dringend retten wollen? Das verraten sie in ihrem Rap: "Der Hotte Zimmermann, der ist ein guter Mann, denn er schafft Eis heran, und das ist nicht vegan!"
Sympathisch, wie deutlich Lambeck auf Seiten der Kinder steht. Gewagt, wie sie allen einen Spiegel vorhält. Beeindruckend, welch’ starkes Plädoyer ihr gelingt: Freundschaft, Selbständigkeit, echte Abenteuer, das ist es, was Kinder brauchen. Und vertrauensvolle Eltern, die sie an längerer Leine laufen lassen.